Leserbriefe


Eines erstaunt mich an diesem Blog immer wieder und freut mich als Autor natürlich auch: Die "Immunantwort" regt scheinbar sehr viele Leser zum Nachdenken an und provoziert dementsprechend auch manches Feedback. In Offline-Zeiten nannte man sowas Leserbriefe, heute vielleicht eine "Leser-Mail". Eine dieser Mails, die mich unter blog.immunantwort@googlemail.com erreichte, möchte ich hier (mit Erlaubnis des Schreibers) abbilden. Es geht um - Leserbriefe.

Schöne heile, schwule Welt. 
Da blättere ich auf Arbeit in einem zerfledderten Exemplar eines schwulen Magazins (Männer aktuell? Du und ich?) und los gehts. Leserbrief des Monats: "Alle Barebacker sind Egoisten, sollten ihre Medikamente selbst bezahlen und jeder Mann, der nicht mit einem Gummi kann, sollte seine Psyche untersuchen lassen", meinte Detlef. 
Wie schnell das doch geht: Massen von Männern für plemplem erklärt ob des simplen Fakts, dass das Kondom nichts weiter als ein technischer Kompromiss mit dem Problem ist, der mit dem menschlichen Naturell und der Natur von Sex überhaupt nicht abgeglichen wurde. 
Ein Blick in die Geschichte sexuell übertragbarer Krankheiten lohnt sich. Als die Syphilis grassierte, traf es alle quer durch die Gesellschaft. Das Stigma lastete schwer auf dem Erreger, den Hurenböcken und den Nutten. Die Syphilis war immer die Seuche der Anderen. Italienische Krankheit, französische Krankheit, spanische Krankheit ... wie man es flüsterte. Man musste schon der Sohn eines Kaisers sein, um nicht der gesellschaftlichen Ächtung anheimzufallen. Und dann wurde es auf einmal in Intellektuellen- und Künstlerkreisen schick, Syphilitiker zu sein. Also wurde frei gefickt. Kommt euch bekannt vor? Nein. Das weiß heute auch kaum einer noch. 
Und noch ein Leserbrief, der droht gleich mit Gewalt: "Man solle sich nicht wundern, dass der Barebacker irgendwann zusammengeschlagen in der Ecke liegt." Ich blättere schnell weiter. In schneller Reihenfolge erscheinen ganzseitig knackig trainierte Mittzwanziger und "Colt" Models mit voluminösen Brustmuskeln, viril, sportlich und strotzend. Dazwischen trendy Jungkerle, Fashion Nerds und erblühte Teenager. Alles atmet Wert, Ewigkeit, Unantastbarkeit, Ferne, begehrt sein, Anspruch ... wichtig sein. Die Dominanz der Archetypen unserer Zeit.

Dann wieder, diesmal mehrere Seiten zum Thema Bareback. Anscheinend Teil einer Serie. Zynisch fletscht der Autor am Ende als Analyse schriftlich die Zähne, ein Armutszeugnis nennt er das werbetechnische Versagen des Safer Sex-Business gegenüber der Subkultur des Barebacking; "ohne" Ficken ist attraktiver, man müsste endlich eine begehrenswerte Gegenwelt schaffen! Mit den Jungs und Männer von den Seiten davor? - so mein erster Gedanke.
Aber was wundern die sich? Die Safer Sex Bewegung zeigt nichts anderes als Instrumente vor, nichts als Angst und das Kondom. Damit ähneln sie frappierend der katholischen Kirche anno Zappes. Die bediente sich auch der Angst und dem Instrument der Erlösung, einem Kreuz. Na dann ... Herr, vergib mir, denn ich habe gesündigt. Amen.    
Georg, Berlin