Ein Zwischenruf
Woche 20 der HepC-Therapie und mir fällt die Decke auf den Kopf. Es fühlt sich an, als ob ein ultimativer Tiefpunkt in meiner Existenz erreicht ist. Warum? Der Reihe nach.
Die Nebenwirkungen von Ribavarin und Interferon haben sich in den letzten Wochen allmählich hochgeschaukelt. Das war einerseits zu erwarten. Andererseits fällt das Resultat dann doch unerwartet heftig aus.
Im Ergebnis ist mein Alltag, sofern man das noch Alltag nennen kann, durch blanke Apathie gekennzeichnet. Ich schlafe ohne die Hilfe von Schlaftabletten nicht mehr wirklich ein. Habe ich es doch auf einige Stunden zusammenhängenden Schlaf gebracht, fällt das Aufstehen umso schwerer. Mein Rekord liegt derzeit bei sieben Stunden zwischen dem Aufwachen und dem Aufstehen.
Mit dem Aufstehen ist es nicht getan, für Körperhygiene und "Frühstück" will gesorgt sein. Allerdings vergehen zurzeit durchschnittlich anderthalb Stunden vom (ersten) Einschalten des Wasserkochers bis zur fertigen Tasse Tee. Der Rest der Basishandlungen eines Tages "folgt" im Anschluss. Lediglich die Medikamenteneinnahme funktioniert zuverlässig. Das liegt einerseits am Zwang, andererseits an den appetitzügelnden Eigenschaften der Pillen.
Weiterhin ist mein Körpergefühl ein Albtraum, da mich meine Haut in den Wahnsinn treibt. Die sowieso schon vorhandene Neurodermitis galoppiert regelrecht, zusätzlich bringt ein ominöses Jucken an allen möglichen Körperstellen Frust. Am Schlimmsten ist jedoch der "Zustand" der Mundschleimhaut. Aften (offene Stellen im Mundraum) sorgen für Schmerzterror, dem keine Mundspülungen, Desinfektionsmittel und dergleichen lang anhaltend etwas entgegensetzen.
Diese Mixtur aus Unzumutbarkeiten hat psychisch einen immens zermürbenden Effekt, gegen den auch die Anti-Depressiva nur schwer ankommen. Völlige Antriebslosigkeit und die Unfähigkeit zur Fokussierung auf eine Aufgabe wirken hier sogar wie eine Art Brandbeschleuniger, sind sie doch besonders drückend. An nicht wenigen Tagen fühlt sich mein Leben an, als sei ich bei voller geistiger Klarheit zugleich dement wie ein alter Mensch im Altersheim. Ich führe die Existenz eines Zombies. Was übertrieben klingen mag, ist doch nur die bildhafte Umschreibung meiner Situation. Eine Situation, die mich zusehends überfordert und an den Rand des Erträglichen bringt.
Wer glaubt, Menschen in meiner Situation stünden verschiedene Hilfsangebote sozialer Träger zur Verfügung, der irrt. Das Gegenteil ist der Fall! Es wird einem durch die Blume vermittelt, dass man doch gar nicht genügend hilfebedürftig sei. Vermutlich muss man heutzutage in Deutschland erst aufgeschnittene Pulsadern oder Nadeln im Arm vorweisen, bevor die Samariter von Fördertopfs Gnaden sich zur Hilfsleistung herab lassen können. Zu dumm nur, dass ich eine Nadelphobie habe und mich allein schon die wöchentliche Interferon-Injektion enorme Überwindung kostet.
Habe ich keine Freunde oder Verwandte? Natürlich habe ich die. Einweihen kann und will ich jedoch nur die wenigsten von ihnen. Einige verstehen auch schlicht meine Situation nicht oder zeigen sich abgeschreckt, wenn man den Offenbarungseid der völligen Hilflosigkeit leistet. Unterschwellig schwingt auch ein „selbst schuld“ mit. Man steht auf einmal doppelt alleine da, anstatt unterstützt zu werden. HepatitisC-Therapie 2011 - für mich fühlt sich das eher an wie eine Isolationshaft chinesischer Art. Chancen auf vorzeitige Haftentlassung gibt es nicht.