Positiv werden

Immer wieder taucht die Frage auf, wie man sich denn nur mit HIV anstecken konnte? Ob man denn nicht auf sich aufgepasst habe? Was denn so schwer daran sei, ein Kondom zu benutzen? Für mich greifen diese Fragen, so naheliegend sie erst einmal erscheinen, zu kurz. Für mich war die Infektion weder ein Unfall noch eine Situation mangelnder Achtsamkeit. Was war also passiert? Im Folgenden der Versuch, den Weg zu meiner Infektion nachzuzeichnen.

Ich habe mich, im Rahmen einer längeren Fick-Session angesteckt. In diese Session waren drei andere Männer involviert, zwei von ihnen waren in Therapie und hatten eine Viruslast unter der Nachweisgrenze. Der Dritte war noch untherapiert, aber bereits eine Weile positiv. Nach heutigem medizinischem Stand ist eine Infektion durch gut therapierte HIV-Positive eher unwahrscheinlich, das Restrisiko lässt sich mit dem Restrisiko bei der Nutzung von Kondomen vergleichen.

Die Session lief zu Beginn "safer" ab, Kondome waren involviert, vor allem zwischen dem nicht-therapierten und dem HIV-negativen Teil der Gruppe. Der Schutzgedanke war also vorhanden und alle waren sich auch der Situation und der Risiken bewusst. Wie konnte es trotzdem zur Infektion kommen?

Ich könnte es jetzt auf die gebrauchten Drogen oder den Alkohol schieben, was allerdings zu einfach und auch falsch wäre. Ich verwende Drogen vorsichtig und lediglich soviel wie es benötigt, um ein angenehmes Gefühl zu haben. Es ist eine Kopfsache, mein Kopf erlaubt kein völliges Abdriften, keinen totalen Rausch. Ich brauche stets die Wahrnehmung und die Kontrolle meines Umfeldes, weshalb ich bspw. auf Ketamin überhaupt nicht klarkomme, mein Kopf bekämpft es. Bei Alkohol ist es dasselbe: Sobald ich merke, ich verliere zu sehr die Kontrolle, kompensiere ich den Alkohol, sei es mit etwas Zuckrigem, Wasser oder aber schwarzem Tee. Man könnte beinahe von einem Automatismus sprechen. Der eine Fehler im Rausch - er entfällt, es gab keinen Rausch und ich wusste stets, was ich tat. Genau hier liegt der Kern dessen, wie es zu meiner Infektion kam. Ich denke, ich wollte es.

Mit Kondomen hatte ich von Beginn meiner "sexuellen Laufbahn" an ein Akzeptanzproblem. Ich war und bin über Safer Sex bestens aufgeklärt, daran hat es nie gemangelt. Auch wenn ich erst mal brav Kondome benutze, war da stets ein Drängen sie loszuwerden. Ich hatte die Präventionsbotschaften im Kopf, verbot mir also dieses Drängen. Dieser innere Konflikt führte sogar dazu, dass ich zwischen meinem 19. und 24. Lebensjahr nur extrem selten Sexualverkehr hatte. Eine Zeit, in der viele Andere ihre prägenden sexuellen Erfahrungen machten, ging an mir ziemlich ereignislos vorüber.

Zwei Jahre hin und her

Ungefähr mit 24 bröckelte, wenn man so will, der innere Widerstand. Ich hatte ersten kondomfreien Sex, was sich einerseits großartig und richtig anfühlte. Andererseits zu heftigen Gewissensbissen führte, natürlich. Die Bare-Ficks blieben die Ausnahme. Die „Vernunft“ gewann immer wieder die Oberhand und nach jedem negativen Testergebnis (erstaunlicherweise war ich so konsequent und ging regelmäßig zum Testen), schwor ich mir fortan ausschließlich Safer Sex zu haben. Bis zum nächsten Fick ohne Gummi. Dieses Hin und Her ging fast zwei Jahre.

Von meinem letzten Freund wusste ich zunächst nicht das Er positiv war, ich setze mir das Vorhaben in den Kopf, eine vorbildliche Beziehung mit Kondom zu führen. Als er sich als poz outete, war mir das ein weiterer Ansporn. Eine Partnerschaft mit unterschiedlichem(!) HIV-Status wollten wir beide, das Kondom war also Dauergast. Doch vor unserer Beziehung war Sex ohne Kondom und mit Positiven für ihn wohl eher der Regelfall. Ich erklärte unsere sexuelle Beziehung also von vornherein zu einer offenen Beziehung. Mir hing der Gedanke im Kopf, dass sich das Kondom irgendwann als Bumerang erweisen könnte, der die Beziehung zerlegt. Auch das ist eine Form von Vorsorge - gegen das Scheitern der Beziehung. Ich weiß bis heute nicht, ob er das auch so sah und ob es dieser Offenheit bedurft hätte. Ich erklärte das schlicht zur Selbstverständlichkeit, was es für mich auch war.

Wir nutzen unsere offene Beziehung für kleine Gruppensex-Sessions, luden uns ein, zwei weitere Fickpartner ein; HIV-negativ, HIV-positiv - ganz egal. Da war viel Spaß und da war für mich häufig auch Neuland, schließlich hatte ich manches nachzuholen. Viele meiner bisher besten sexuellen Erfahrungen fallen in diese Zeit. Irgendwann kam es soweit, dass außer mir nur noch Positive bei den Sessions anwesend waren. Das geschah einfach bzw. ich sorgte auch dafür. Die inneren Widerstände gegen Bareback-Sex und damit gegen den Virus, sie waren endgültig so gut wie weg.

Ich sah, wie es den anderen positiven Jungs ging, wie sie mit ihren Therapien offensichtlich gut zurechtkamen, trotzdem selbstbestimmt und scheinbar ziemlich zufrieden lebten. Und wie sie (für mich) beneidenswerten Sex hatten. Von dem, was die Angstbotschaften der HIV-Prävention verkündeten, war weit und breit keine Spur zu entdecken.

Abwägungssache

In meinem Kopf setze ein Denkprozess ein, ich begann abzuwägen: Die Probleme, die mir Kondome beim Sex bereiteten, die lebenslangen Hemmnisse und Behinderungen des Kondom-Sex, das ständige Drängen und innere Kämpfen gegen Bareback-Ficks. Dies alles abgewogen mit den Zumutungen eines Lebens als Positiver und den Befreiungseffekten, die ein positiver HIV-Status auf sexueller Ebene für mich haben könnte. Ja, ich begann tatsächlich darüber nachzudenken, für und wieder, pro und kontra. Verrückt? Krank? Vielleicht. Ich denke, es war vor allem ehrlich gegenüber mir selbst.

Ich lebe in einem westlichen Industrieland mit einer sicheren Gesundheitsversorgung, in die ich mit Steuern und Krankenkassenbeiträgen selber einzahle. Ich konnte mir diesen Abwägungsprozess also erlauben. Sie, als Leser, mögen hier protestieren, aber warum muss ich mir als HIV-positiver Mensch überhaupt die Gesundheitsökonomie als Gegenargument anhören, was allzu oft passiert? Wenn wir die Freiheit des Einzelnen dort begrenzen, wo die Gesundheitsökonomie anfängt, was ist unsere Freiheit dann noch wert? Die Antwort ist einfach: Gar nichts.

Vorerst benutzen meine anderen Fickpartner noch Kondome, sie wollten mich nicht anstecken. Irgendwann kam ich mit den gut Therapierten überein, den Gummi wegzulassen: Risiko-Management nennt man das wohl. Auch das Fisten mit Crisco wurde so möglich und einfacher.

Es folgte die erste Session mit dem oben genannten „dritten Kerl“. In meinen Augen war er Sex pur. Alles, was ich an einem Mann irgendwie sexuell anziehend finde, er verkörperte es. Wir achteten auf Kondome, das Infektionsrisiko war als durchaus hoch einzuschätzen. Während der zweiten Session packte ich mich vor ihn, bedeutete ihm mich zu ficken. Mein Arsch war schon angefistet und mit Crisco geschmiert, Kondome also so gut wie sinnlos. Er schaute mich fragend an, ich nickte, er zögerte, ich näherte mich ihm an, schließlich packte er mich. Wir fickten noch einige Male in dieser Session. Es war eine spontane Entscheidung, aber sie kam nicht unvermittelt. Es gab keine Widerstände mehr in meinem Kopf, vielleicht noch ein grimmiges, aber auf jeden Fall eine Form von innerem Einverständnis.

Die weiteren Sessions fanden wiederum mit therapierten Positiven statt. Insofern lässt sich der Urheber meiner Infektion also relativ gut bestimmen. Wenige Monate später blinkten die betreffenden Werte in meinem Blutbild rot auf, der Kontrolltest war da nur noch eine Fußnote. War ich davon geschockt? Kein Stück? Ich war vollkommen ruhig. Ich fühlte mich frei. Endlich.



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