Lieber Kondomfaschist!
Zugegeben, Du machst uns HIV-Positiven das Leben manchmal ganz schön schwer. Nichts ahnend surfen wir durch den virtuellen Raum, auf der Suche nach einem Sexualpartner oder jemanden für andere zwischenmenschliche Interaktionen, da schickst Du uns plötzlich eine Nachricht wie diese: „Ihr AIDS-Schwuchteln gehört alle weggesperrt!“ schimpfst du darin wie ein Rohspatz. „Schweine wie ihr dürfen nicht frei herumlaufen!Ihr seid eine Gefahr für alle!“ echauffierst du dich weiter.
Einigermaßen perplex schreibt man dir zurück, worum es denn bitte ginge. Dann zielst Du, wie mit dem Fadenkreuz der Maschinenpistole, auf unseren Safer-Sex-Status, drückst ab und schießt weitere verächtliche Wortsalven in unseren Posteingang. Unser Safer-Sex-Status steht fairerweise auf „Nach Absprache“. Denn wir Positiven sind in der bequemen Position uns aussuchen zu können, ob wir Sex mit oder ohne Kondom haben wollen. Für den Kernzweck des Kondoms haben wir persönlich einfach keine Verwendung mehr. Damit unsere Sexualpartner dies wissen und sich darauf einstellen können, notieren wir das unseren virtuellen Alter Egos ins Stammbuch. Transparenz bringt ja für gewöhnlich immer noch am Weitesten. Und wer Fragen hat, der stellt sie. So wie es vernunftbegabte Menschen eben so tun.
Vernunftprobleme
Das mit der Vernunft scheint für dich allerdings ein größeres Problem darzustellen. Vernünftige Menschen akzeptieren zunächst einmal, dass andere Menschen andere Entscheidungen in ihrem Leben getroffen haben, die wiederum eigene Konsequenzen nach sich zogen. Sie werfen ihnen diese Entscheidungen (im Fall von uns Positiven das wissentliche oder fahrlässige Infizieren mit HIV) nicht vor oder tragen sie ihnen nach. Sie akzeptieren, oder tolerieren es wenigstens. Die Akzeptanz von etwas anderem, von HIV im Speziellen, stellt für dich jedoch eine unüberwindbare Hürde dar. Du kennst nur den einen heiligen Gral und jedes andere Verhaltensmuster wird gnadenlos verfolgt und bekämpft. In deiner Welt hat es so etwas wie uns nicht zu geben. Analogien zu unseligen Zeiten deutscher Geschichte seien hier ausdrücklich gezogen.
Lieber Kondomfaschist, Du wirst vermutlich erst dann ruhig schlafen, wenn der letzte Positive den „verdienten“ Tod starb. Bis es so weit ist, wirst Du nur Ruhe haben, sofern die „bayrische Lösung“ doch endlich an den HIV-Positiven der Bundesrepublik vollzogen wird. Zur Erinnerung: Als HIV aufkam, setzte in der alten BRD eine hitzige politische Diskussion darüber ein, wie man mit den Positiven umgehen müsse. Aus Bayern, genauer vom damaligen Staatssekretär im bayrischen Innenministerium Peter Gauweiler (heute MdB für die CSU) kam sogar die Forderung, die HIV-Positiven mittels Bundesseuchengesetz zu behandeln und abzusondern.
Wir Positive fragen uns, was eigentlich in dir vorgeht? Woher kommt diese krasse Ablehnung? Bist Du auf uns eifersüchtig, weil wir einen Sex leben, den Du nicht leben kannst oder willst? Bist Du jemand, der niemanden abbekommt? Bist Du von Gram zersetzt? Bist Du ein radikaler (Pseudo-)Wissenschaftler, der sämtliche HIV-relevanten Statistiken in sich hineingefressen hat? Oder doch ein junger Homosexueller, der keinen blassen Schimmer von HIV hat? Der nur die eine Botschaft aufgesogen hat, das poz böse ist: „Gib AIDS keine Chance.“
Deine Projektionen
Zur Erinnerung: Der Virus mag ein Problem sein, doch die Menschen, in denen er wütet, sind es nicht. Wer gibt dir das also Recht uns in dieser Form zu verachten? Wer hat dir gestattet, so dermaßen oberlehrerhaft über uns herzufallen? Womit begründest Du diese Verletzung unserer Würde, dein Absprechen von Respekt und Menschlichkeit? Denn genau das tust Du!
Es gibt das HIV der 80er nicht mehr. Die alten Bilder sind alte Bilder. Der Horror ist lange überwunden, aber deine Ängste scheinen unverändert oder neu zu existieren. Was auch immer Du in HIV und in uns HIV-Positive hineinprojizierst, wir müssen darüber reden. Denn es bedarf dringend einer Korrektur hin zu den Realitäten. Du musst dir gefallen lassen, dass wir ein Recht darauf haben als Menschen behandelt zu werden. Und Menschen haben einen Anspruch auf Respekt. Und Anspruch auf den Sex, den sie wollen.
Dieser Respekt gebietet es auch, dass Du deine Vorurteile, deine Ängste und deine Unwissenheit für einen Moment herunterschluckst und uns zuhörst. Dass Du lernst zu akzeptieren, wer wir sind und wie wir sind. Wir wollen einmal den Tag erleben, an dem wir gegenüber jemandem sagen können: „Ich habe HIV“, ohne dass anschließend gleich die Distanzierung oder gar die Flucht einsetzt. Denn schon hier beginnt der Kondomfaschismus, in dem Du Positive einfach meidest und ihnen keine Möglichkeit einräumst sich als den Menschen zu zeigen, der sie sind.
Übrigens: HIV-Positive taugen auch nicht als seelischer Mülleimer für jene verkrachten Exemplare deiner Gattung, die ihre eigene Homosexualität nicht im Griff haben. Und ihre daraus resultierende Scham oder den Selbsthass nun auf uns Positive projizieren müssen. Bitte verschone uns!
Die falschen Samariter
Wir Positive verachten ausdrücklich jene falschen Samariter unter deinesgleichen, die sich als Aufklärer und Helfer im Namen der Positiven aufführen. Aber im Grunde nur aus ihrer Perspektive des Gutmenschen auf uns „gefallene Kinder“ herabschauen. Die sich in ihrer fehlgeleiteten Helfer-Attitüde dazu auserkoren fühlen, uns (angeblich verkrachten und hilflosen) Opfern unserer selbst ihre Hand zur vergifteten Hilfe zu reichen. Die nicht willens sind uns so zu akzeptieren, wie wir sind. Eure Hilfe brauchen wir nicht! Da gehen wir lieber alleine sterben!
Lieber Kondomfaschist, sieh es bitte ein: An uns führt kein Weg vorbei! HIV-Positive sind ein unauslöschlicher und wichtiger Teil der schwulen Community. Manche HIV-negative Mitmenschen haben dies längst begriffen. Sie akzeptieren uns als die Menschen, die wir sind. Leben mit uns in einer Partnerschaft, feiern, arbeiten, ficken mit uns zusammen. Und wir achten darauf, dass sich der Serostatus dieser HIV-negativen nicht verändert. Schließlich schätzen wir sie als Menschen, so wie sie uns.
Viele von uns mögen sich vielleicht lieber als Teil der Subkultur einer Subkultur einordnen und auch keinen Kontakt zu HIV-negativen haben, was ihr gutes Recht ist.Deine Rechte enden jedoch dort, wo Du ihnen dieses Recht absprichst. Genau an jenem Punkt, jenem deiner Denkfehler der dich glauben macht uns verachten, abzulehnen oder belehren zu können. Dort ist für dich Endstation! Ab hier steht es dir lediglich noch zu, freundlich zu fragen, wer wir sind! Verzeih uns bitte, wenn wir zunächst überhaupt nicht auf diese Frage eingehen wollen. Zu viele deiner Zeitgenossen vor dir konnten nämlich einfach nicht ihre Fresse halten!
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